Warum gute Ideen unter der Dusche und beim Gehen kommen, nicht am Schreibtisch – mit dem IQ hat das wenig zu tun
Manche Menschen haben scheinbar ständig gute Ideen. Liegt das daran, dass sie klüger sind? Fasst man die Forschung zusammen, lautet die Antwort: kaum. Eine Analyse aus dem Jahr 2021 hat 30 Studien mit mehr als 21.000 Menschen zusammengeführt. Der Zusammenhang zwischen Intelligenztestwerten und kreativen Leistungen lag bei 0,16. Bei Ideen im Alltag waren es 0,06 – praktisch kein Zusammenhang. Karwowski et al., 2021. Bei Leistungen in der Wissenschaft lag der Wert mit 0,19 etwas höher.
Was unterscheidet diese Menschen dann? In diesem Text geht es um zwei Gewohnheiten: den Schreibtisch zu verlassen, sodass der Kopf nur halb beschäftigt ist, und die Ideen, die dabei auftauchen, nicht wieder ziehen zu lassen. Zuerst die Geschichte eines Mannes, der beides an einem einzigen Tag gezeigt hat.
Am 16. Oktober 1843 ging der irische Mathematiker William Hamilton mit seiner Frau an einem Kanal in Dublin entlang, auf dem Weg zu einer Sitzung der Royal Irish Academy. Seit Jahren kam er am Schreibtisch bei einem mathematischen Problem nicht weiter. Seine Frau sprach ihn ab und zu an, doch im Hintergrund, so schrieb er später, lief das Denken in ihm unablässig weiter. Dann, als sie an eine Brücke kamen, war die Lösung plötzlich da – vollständig.
Er zog auf der Stelle sein Notizbuch heraus und schrieb sie auf. Und weil er dem Drang nicht widerstehen konnte, ritzte er die Formel mit einem Messer in den Stein der Brücke. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an diesen Tag, und jedes Jahr am 16. Oktober gehen Mathematikerinnen und Mathematiker denselben Weg. In Erinnerung geblieben ist die Formel im Stein. Doch das Erste, wonach er griff, war das Notizbuch.

Gute Ideen kommen unter der Dusche und beim Gehen, nicht am Schreibtisch
Gute Ideen kommen selten, während man sich am Schreibtisch abmüht, und oft unter der Dusche oder beim Spazierengehen – in Momenten, in denen der Kopf nur ein bisschen zu tun hat.
Das kennt fast jeder, und Hamilton ist kein Einzelfall. Darwin ging jeden Morgen und jeden Nachmittag denselben Kiesweg bei seinem Haus entlang und soll bei jeder Runde einen Stein mit dem Fuß beiseitegestoßen haben, um mitzuzählen. Ideen, die unter der Dusche kommen, werden in der englischsprachigen Forschung sogar unter einem eigenen Namen untersucht: „the shower effect“. Und genauso oft ist so eine Idee wieder verschwunden, kaum dass Sie nach dem Handtuch greifen.
Warum ausgerechnet dann? Die übliche Erklärung lautet: Man bekommt den Kopf frei, man schaltet ab. Die Forschung sieht das etwas anders.
Die guten Ideen kamen nicht, wenn der Kopf leer war, sondern wenn er halb beschäftigt war.
Gehen steigert die Zahl der Ideen um rund 60 Prozent – die Stanford-Studie
2014 ließ ein Forschungsteam der Stanford University dieselben Menschen einmal im Sitzen und einmal im Gehen Ideen entwickeln. Die Aufgabe: in vier Minuten möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Alltagsgegenstand wie einen Knopf oder einen Reifen finden. Beim Gehen hatten 81 Prozent der Teilnehmenden mehr Ideen als im Sitzen, im Schnitt rund 60 Prozent mehr. Oppezzo & Schwartz, 2014. 176 Personen in vier Experimenten.
„Spazierengehen macht kreativ“, heißt es oft. Dieselbe Studie zeigt aber noch drei weitere Dinge – auch, wo die Grenze liegt.
- Auf dem Laufband mit Blick auf eine kahle Wand war das Ergebnis dasselbe wie draußen. Nicht die Umgebung machte den Unterschied, sondern das Gehen selbst.
- Auch nachdem sich die Teilnehmenden wieder hingesetzt hatten, hielt der Effekt noch eine Weile an.
- Bei Aufgaben mit nur einer richtigen Lösung schnitten sie im Gehen sogar etwas schlechter ab. Gehen half dabei, Ideen zu finden – nicht dabei, die richtige auszuwählen und auszufeilen.
Die Bedingung heißt nicht „leer“, sondern „halb beschäftigt“
Gute Ideen unter der Dusche oder beim Spazierengehen entstehen, wenn Sie etwas Leichtes, Vertrautes tun – duschen, gehen, abwaschen –, sodass die Gedanken wandern können, ohne dass der Kopf leer läuft oder sich anstrengen muss. In einer Studie der University of California von 2012 kamen Menschen, die in der Pause eine leichte, einfache Aufgabe erledigten, mit mehr Ideen zurück als diejenigen, die sich ganz ausruhten oder eine schwere Aufgabe lösten. In einer Studie der University of Virginia von 2022 schnitt eine Gruppe mit einem einigermaßen spannenden Video besser ab als eine mit einem langweiligen.
In einer Studie der University of California von 2012 bekamen die Teilnehmenden eine Aufgabe, bei der sie möglichst viele Ideen finden sollten, und danach eine Pause. Wer in der Pause nichts tat oder eine anspruchsvolle Aufgabe löste, hatte danach nicht mehr Ideen. Nur die Gruppe, die eine leichte, einfache Aufgabe erledigte, legte zu. Baird et al., 2012. Wiederholungsversuche kamen zu gemischten Ergebnissen; ein anderes Team hat 2022 (siehe unten) das Design deshalb überarbeitet und erneut geprüft.
2022 griff ein Team der University of Virginia die Frage erneut auf, ausdrücklich unter dem Titel „the shower effect“. Statt Duschen setzte es Videos ein. Eine Gruppe sah in der Pause drei Minuten lang ein absichtlich eintöniges Video, in dem jemand Wäsche faltet – so langweilig, dass es den Kopf gar nicht beschäftigte. Die andere sah eine einigermaßen spannende Filmszene. Die Wäsche-Gruppe, die nur zugesehen hatte, hatte weniger originelle Ideen als die Film-Gruppe. Entscheidend war also nicht, wie leicht die Tätigkeit ist, sondern dass sie die Aufmerksamkeit ein wenig bindet. Die Bedingung, die das Team daraus ableitete: ein Zustand, locker genug, dass die Gedanken wandern können, aber nicht so locker, dass die Aufmerksamkeit ganz zerfließt. Irving et al., 2022. 340 Personen in zwei Experimenten. Die Studie weist selbst darauf hin, dass Videos die Dusche ersetzten.
Duschen, Gehen, Abwaschen sind genau solche Tätigkeiten. Der Körper hat etwas zu tun, der Kopf muss aber nicht voll mitarbeiten. Der Kopf, der sich am Schreibtisch an einem Problem festgebissen hatte, lockert sich. Die gute Idee entsteht in diesem Moment nicht aus dem Nichts. Wie Hamilton es beschrieb: Die Gedanken, die die ganze Zeit im Hinterkopf weitergelaufen waren, werden endlich sichtbar.
Die erste Gewohnheit heißt also: sich einmal am Tag Zeit für so eine halb beschäftigte Tätigkeit nehmen – fern vom Schreibtisch.

Festhalten können Sie nur eine Idee, die Sie bemerken
Eine Idee, die Ihnen unter der Dusche kommt, ist oft nach wenigen Sekunden wieder weg, weil der nächste Gedanke sie verdrängt. Festhalten und aufschreiben können Sie sie nur, wenn Sie genau in diesem Moment merken, dass sie aufgetaucht ist.
Häufig liest man den Rat, einen wasserfesten Notizblock in die Dusche zu hängen. Ein guter Rat – nur fehlt ein Schritt davor: Notieren können Sie nur, was Sie bemerkt haben. Hier liegt die zweite Gewohnheit.
Während Sie duschen, wandern Ihre Gedanken von einem zum anderen, ziellos und ungeordnet. Die guten Ideen kommen vermischt mit allem anderen. Und dass die Gedanken abschweifen, merken Sie oft selbst nicht. In einer Studie wurden Leute beim Lesen mitten im Text unvermittelt gefragt: „Woran haben Sie gerade gedacht?“ Nicht wenige waren mit den Gedanken längst woanders gewesen, ohne es mitzubekommen. Schooler et al., 2004. Mitten in diesem Gedankenstrom kann eine gute Idee vorbeiziehen – wenn Sie nicht bemerken, dass sie vorbeizieht, können Sie sie nicht festhalten.
Entscheidend an Hamiltons Geschichte ist nicht, dass ihm die Lösung einfiel, sondern was danach kam. Er nahm auf der Stelle sein Notizbuch heraus. Die Formel in der Brücke ist die Spur des Moments, in dem er die Idee bemerkt hat. Alles, was hier über seine Frau, das Notizbuch und den Stein steht, stammt aus einem Brief, den er 22 Jahre später an seinen Sohn schrieb. Er hat den Moment nicht nur im Notizbuch festgehalten, sondern später auch davon erzählt.
Wenn Ihnen das nächste Mal unter der Dusche etwas einfällt, können Sie sich vor dem Griff zum Handtuch innerlich sagen: „Moment – da war gerade eine Idee.“ Das Notieren kommt danach.
Eine Idee in dem Moment zu bemerken, in dem sie auftaucht, lässt sich mit 3 bis 5 Minuten Übung am Tag lernen
Die Fähigkeit, einen Gedanken in dem Moment zu bemerken, in dem er auftaucht, ist nicht angeboren. Sie lässt sich mit drei bis fünf Minuten Achtsamkeitsmeditation am Tag aufbauen: Atemzüge zählen, merken, wann die Gedanken abgeschweift sind, und zur Zahl zurückkehren.
Sie üben, indem Sie immer wieder bemerken, dass Sie abgeschweift sind – und zurückkehren. Am einfachsten geht das, indem Sie die Atemzüge zählen. Selbst wenn Sie nur zählen wollen, schweifen die Gedanken schnell ab – so haben Sie in wenigen Minuten Dutzende Gelegenheiten, es wahrzunehmen.
Die Methode ist einfach. Schließen Sie die Augen und zählen Sie bei jedem Atemzug innerlich weiter: eins, zwei, drei. Bald taucht ein Gedanke auf, und Sie verzählen sich. Irgendwann merken Sie: Ach, ich war woanders. Dann kehren Sie zu der Zahl zurück, bei der Sie waren. Waren Sie bei sieben, geht es mit acht weiter. War der Gedanke eine gute Idee, schreiben Sie ihn hinterher auf.
Das ist Achtsamkeitsmeditation.
Auch Meditation gilt meist als Methode, den Kopf leer zu machen. Wenn Sie ein paar Atemzüge zählen, merken Sie schnell: Die Gedanken lassen sich nicht abschalten. Zu tun gibt es nur eines: bemerken, dass ein Gedanke aufgetaucht ist, und zur Zahl zurückkehren. Eine Idee unter der Dusche an sich vorbeiziehen zu lassen und erst nach langer Zeit zu merken, dass Sie beim Zählen abgeschweift sind – beides hängt an derselben Fähigkeit. Und in dem Moment, in dem Sie es bemerken, löst sich der Kopf ein Stück von dem Problem, an dem er festhing. So wie ein Spaziergang den Kopf lockert, der sich am Schreibtisch abgemüht hat, kann auch das Bemerken und Zurückkehren ihn lockern.
Meditation ist Übung darin, die eigenen Gedanken wahrzunehmen, und das kann sich auf den Alltag auswirken, auch auf Momente wie diese. Das mag altmodisch klingen, aber es gibt einen Grund, warum sie sich seit Jahrtausenden gehalten hat.
Ich bin der Entwickler von True Meditation – der App, die diese Website vorstellt. Allein merken Sie meist erst lange danach, dass Sie abgeschweift sind. Deshalb habe ich eine App gebaut, die es Ihnen genau in dem Moment sagt. Mit geschlossenen Augen sagen Sie innerlich die nächste Zahl, tippen mit dem Daumen zweimal auf den Bildschirm und atmen einmal. Schweifen Sie ab, gerät der Rhythmus Ihres Tippens durcheinander; die App erkennt das und meldet sich mit einer kleinen Vibration. Sie merken es nicht erst Minuten später, sondern bei genau dem Atemzug, bei dem Sie abgeschweift sind. An Tagen ohne Zeit für einen Spaziergang reichen die drei Minuten, in denen Sie auf Ihren Kaffee warten.
Die paar Sekunden, nachdem Sie das Wasser abgedreht haben und bevor Sie nach dem Handtuch greifen. Das ist Ihre Brücke.
Kurz gesagt
Ob jemand viele gute Ideen hat, hängt kaum an der Intelligenz. Eine Analyse von 30 Studien aus dem Jahr 2021 fand zwischen Intelligenztestwerten und kreativen Leistungen nur einen schwachen Zusammenhang (Korrelation 0,16). Den Unterschied machen zwei Gewohnheiten: Zeit fern vom Schreibtisch, in der der Kopf nur leicht beschäftigt ist, und eine Idee in dem Moment zu bemerken, in dem sie auftaucht. In einer Studie der Stanford University hatten 81 Prozent der Teilnehmenden beim Gehen mehr Ideen als im Sitzen, und zwei weitere Studien fanden mehr Ideen, wenn die Pause den Kopf ein wenig forderte – nicht untätig, nicht angestrengt und nicht gelangweilt.
Neben Zeit fern vom Schreibtisch, in der der Kopf nur leicht beschäftigt ist, haben Menschen mit vielen guten Ideen eine zweite Gewohnheit: eine Idee in dem Moment zu bemerken, in dem sie auftaucht, um sie festhalten zu können. So hielt es der irische Mathematiker William Hamilton 1843, als ihm auf einem Spaziergang die Lösung eines mathematischen Problems einfiel, an dem er seit Jahren festgesteckt hatte, und er sie sofort in sein Notizbuch schrieb und in eine Brücke ritzte. Bemerken lässt sich üben, und Achtsamkeitsmeditation ist genau eine solche Übung: Atemzüge zählen, das Abschweifen bemerken, zur Zahl zurückkehren.
True Meditation ist keine App, bei der Sie nur zuhören. Mit ihr üben Sie Achtsamkeitsmeditation selbst: Sie lernen, die eigenen Gedanken zu bemerken. Kostenlos herunterzuladen im App Store und bei Google Play.
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